Das Volk (das indes kein besonderes war)

von Eulenkönig

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Es war einmal ein Volk. Kein ziemlich anders als wir es sind. Dieses Volk nun hatte eine grosse Feier vor, nämlich die Feier des Bestehen des Volkes. Zu diesem Fest wurde ein ortsansässiger Künstler aufgefordert, ein Kunstwerk herzustellen, das an besagtem Tag auf der Wiese hinter der Kirche eingeweiht werden sollte. Er entschied sich für eine Stein-Skulptur eines Menschen, der einen typischen Einheimischen aus dem Volk darstellen sollte. Die Altenrate war dazumal sehr hoch, zu ungunsten der Jugend, so wurde aus der Skulptur ein etwas reiferer Herr in ortstypischer Kleidung, der mit einer Flasche des ortsansässigen Bieres geschmückt und einem leichten Hut bedacht auf die Wiese schaute. Der Künstler sah die Leute aus dem Volk als ein genießerisches Volk. Die Einweihung lief wie geplant, die Menschen hatten applaudiert und dann den offerierten Grießbrei gegessen und das ortsansässige Bier getrunken und alle waren zufrieden. Nicht erstaunt, nicht überrascht, aber zufrieden. Einige interpretierten andere Volksgewohnheiten in die Figur als die anderen und so war das gewünscht, verkündete der Künstler.

Das Volk wusste nicht, dass der Boden auf dem die Skulptur stand instabil war, das ganze Land hinter der Kirche schien über die Jahrzehnte einzusinken. Das Volk zog weiter, als sich die geografischen Begebenheiten verschlechterten. Nur ein paar Greise wohnten zu letzt noch da. Ihr künstlerisches Jubiläumswerk hatten sie schon lange vergessen.

400 Jahre nach der Einweihung der Skulptur wurden im ganzen Land Bodenproben entnommen, nun an diesem Fleck fand man etwas bodenuntypisches bei den Grabungen. Nach langem Graben und Schürfen und Scannen merkte man, dass es ein Kopf sein musste. Man grub weiter bis man irgendwann die ganze Figur fand, die unter dem Boden überlebt hatte. Die Zeitungen des Landes waren voll davon. «Was versteckten unsere Vorfahren für ein Geheimnis?» «Übergrosse Mannsfigur im Boden entdeckt: Zeichen für ein heiliges Ritual?» «Quantensprung in der Ahnen-Medizin, Skulptur vielleicht ein Altar für Opferungen» «Fand man hier den Vorfahren unseres Computers?» Und so weiter. Das ganze Dorf wurde eingezäunt, Bundesräte wurden eingeflogen und von Ingenieuren, wichtigen Bauleitern und Managern herumgeführt. Der Tourismus boomte. In der nächsten Stadt konnte man in allen Hotels und Backpackers Tickets für eine Busfahrt zu der Figur erwerben. Dort stand man eine Stunde an für eine Fotografie. Die Chinesen nahmen es auf ihre Bucket list für die Europareise. Und auch die Arbeitlosenrate sank, denn noch manch einer machte es sich zum Beruf, das Geheimnis, was diese Figur wirklich bedeute, zu lüften.

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